Wunsch und Wirklichkeit: die Bildungsrepublik Deutschland
16. Eschborner Gespräche bei der VR LEASING
„Wenn wir in Deutschland nicht so viele Kultusministerien hätten, sondern nur ein großes Bildungsministerium in Berlin, dann könnten wir vielleicht endlich unsere Schule sanieren.“ Der Vorschlag, den die Schülerin Franziska Herbert, hessische Landessiegerin von „Jugend debattiert“, bei den 16. Eschborner Gesprächen machte, klingt ungewöhnlich. Doch auch auf dem prominent besetzten Podium herrschte an frischen Ideen für effiziente Bildungsreformen kein Mangel. Unter dem Motto „Die Bildung der Deutschen: Zwischen Pisa-Schock und Bildungsrepublik“ ging die Veranstaltung der VR LEASING in diesem Jahr den Kernfragen der aktuellen Bildungsdebatte nach.
Als Gäste diskutierten Tarek Al-Wazir (hessischer Fraktions- und Landesvorsitzender von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN), Klaus Bellmann (Vorstandsmitglied im Genossenschaftsverband e.V.), Kabarettistin und Autorin Désirée Nick, Bernd Schlömer (stellvertretender Bundesvorsitzender der Piratenpartei) und Professor Dr.-Ing. Matthias Kleiner (Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft). Moderiert wurde die hochkarätige Gesprächsrunde wieder von der TV-Journalistin Sandra Maischberger.
Zum Auftakt brachten die beiden Siegerinnen im hessischen Debattierwettbewerb, die 17-jährige Lucie Landeck (Wiesbaden) und die 19-jährige Franziska Herbert (Hanau), wichtige Ansatzpunkte für die spannende Debatte und schilderten ihre Sicht als betroffene Schülerinnen.
Verantwortung hat Tradition
Der Vorstandsvorsitzende der VR LEASING, Theophil Graband, verwies in seiner Begrüßungsrede auf die wichtige Rolle der Unternehmen als Ausbildungspartner. Jungen Menschen eine gute Ausbildung zu bieten und ihnen so den Weg in den Beruf zu ebnen – für die VR LEASING sei diese Aufgabe selbstverständlich. „Das ist praktizierte gesellschaftliche Verantwortung und ganz im Sinne der traditionellen Werte der genossenschaftlichen FinanzGruppe“, betonte Graband. Berufspraktisches Wissen weiterzugeben sei dabei ein zentrales, jedoch nicht das alleinige Ziel. Aus der genossenschaftlichen Tradition heraus sei auch die Vermittlung übergeordneter, sinnstiftender Werte nicht wegzudenken.
Bildung von Herzen
Eine Wertevermittlung, die gleich im Elternhaus beginnen soll, forderte auch Désirée Nick, RTL-Dschungelkönigin und studierte katholische Religionspädagogin: „Wenn kein Klima für Bildung besteht, haben Kinder keine Wahl.“ Jedoch heißt Bildung für Nick nicht zwingend Abitur oder Studium. „Man kann auch ein wunderbares, erfülltes Leben als Pferdewirtin oder Gärtnerin führen.“ Aus ihrer Sicht zählt eine Herzensbildung. Es gehe um das Erlernen von Werten wie Zuverlässigkeit, Flexibilität und Kreativität. „Wir brauchen eine Reflexion im Wertebewusstsein und müssen an die Mentalität der Eltern appellieren, die Bildung der Kinder als höchstes Gut anzusehen.“ In neigungsorientierten Angeboten sieht sie die größten Potenziale zur Förderung und kreativen Entfaltung von Kindern: „Ist die Leidenschaft erst geweckt, kommt der Fleiß von ganz allein.“
Lernen neu lernen?
Bei der Frage nach einem allgemeinverbindlichen Bildungskanon wollte sich der stellvertretende Bundesvorsitzende der Piratenpartei, Bernd Schlömer, nicht festlegen lassen. Stattdessen stellte er die Bedeutung kompetenzorientierter Lernformen heraus. Im „Zeitalter von Google und Co.“ seien vor allem die Fertigkeiten und Fähigkeiten zum Suchen, Finden und Anwenden von Informationen gefragt. Kritisch steht er auch Maßnahmen wie dem Bildungspaket gegenüber: „Ich glaube, dass man über Gutscheinheftchen nicht viel erreichen kann“, so seine Überzeugung. Weniger staatliche Steuerung, mehr Gestaltungsspielraum für die einzelnen Bildungseinrichtungen – hier sollten Verbesserungen im Bildungssystem ansetzen. So könne es gelingen, „Zugänglichkeit und Vielfalt zu fördern, statt Monokulturen zu züchten.“
Die reformierte Schule
Die deutsche Bildungswelt kann nicht allein in schwarz-weiß gezeichnet werden, machte Grünen-Politiker Tarek Al-Wazir deutlich. Dass sich die Deutschen bei der Frage nach der aktuellen Bildungssituation in einigen Punkten gerne schlechter machten als sie es tatsächlich seien, steht für ihn fest. Gleichzeitig betonte er jedoch, dass das dreigliedrige Schulsystem grundsätzlich falsch gedacht sei. Beheben ließe sich dieser Systemfehler mit mutigen Entscheidungen und den richtigen Investitionen. Denn als Tatsache gelte immer noch: „Wir können jeden Euro nur einmal ausgeben – und müssen deshalb die entscheidenden Institutionen stärken.“ Er plädierte dafür, bundesweit ein sinnvolles zweigliedriges Schulsystem zu etablieren.
Nach der Schule: Man lernt nie aus
Anschließend sind die Unternehmen gefragt und gefordert. Klaus Bellmann, im Genossenschaftsverband verantwortlich für Aus- und Fortbildung, weiß aus der Praxis: „Eine duale Ausbildung ist heute ein wichtiges Wesensmerkmal in den Unternehmen. Die Wirtschaft investiert in Ausbildung und hat ein nachhaltiges Interesse daran.“ Nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels, aber auch, weil sich weitere entscheidende Paradigmen verändert haben und die Welt komplexer geworden ist: „Einmal lernen reicht heute nicht mehr ein Leben lang.“
Bildung als Werkzeugkasten fürs Leben
Gibt es ihn denn überhaupt, den Königsweg zur Bildungsrepublik? Eine abschließende Antwort steht aus. Entscheidend sei aber, darin waren sich alle Teilnehmer der Runde einig, die Begeisterung für Wissen und Lernen zu fördern. „Wer die Landkarte nicht lesen kann, kann die Welt auch nicht bereisen“, fasste DFG-Präsident Matthias Kleiner zusammen. Auf den richtigen Werkzeugkasten komme es deshalb an. Das beinhalte zunächst Angebote, um junge Menschen neugierig zu machen und ihnen gleichzeitig Techniken an die Hand zu geben, um weiterzukommen.
Auf neuen Wegen zu den Bildungszielen?
Eine ganz neue Idee, was in Sachen Bildung in Deutschland noch zu tun sei, brachte der renommierte Universitätsprofessor Kleiner schließlich zur Sprache. „Wenn wir es wirklich richtig machen wollten, müssten wir unseren Föderalismus insgesamt effizienter gestalten – und dann zum Beispiel nur noch acht bis zehn Bundesländer haben.“ Schmunzelnd musste er ob dieser Maßnahme aber auch zugeben: „Ich weiß, das ist eine völlig illusorische Vorstellung.“
Diskussionsreihe mit Tradition
Bei den Eschborner Gesprächen der VR LEASING diskutieren Persönlichkeiten aus den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur, Religion und Sport einmal im Jahr am Eschborner Stammsitz der VR LEASING über ein brisantes und aktuelles Thema. Mit der 1996 ins Leben gerufenen Veranstaltung spricht das Unternehmen gesellschaftliche Probleme an und zeigt zugleich pragmatische Lösungen auf.
